Zwei Wochen nach dem Start klebt auf jedem Gerät ein Zettel: „Gesperrt bis zur Klärung. Linus, Arbeitsschutz.“
Max ist Teamleiter, sein Motto: einfach mal machen. Als die Geschäftsführung grünes Licht für mehr Bewegung im Büro gibt, bestellt er drei Walking Pads im Onlineshop. Er stellt sie in den Besprechungsraum im zweiten Stock, der steht ohnehin meist leer. Max war schnell, Max war fleißig. Und trotzdem ist sein Pilot gescheitert, bevor er richtig begonnen hat.
Am Gerät lag es nicht. Max hat das falsche Problem gelöst. Genau davor schützt ein Denkwerkzeug, das über 50 Jahre alt ist: die Engpasskonzentrierte Strategie, kurz EKS. In diesem Artikel erklären wir, was dahinter steckt, und zeigen, wie das Prinzip die Einführung aktiver Arbeitsplätze verändert.
Was ist die Engpasskonzentrierte Strategie?
Die Engpasskonzentrierte Strategie ist eine Managementmethode, die alle Kräfte auf den größten Engpass richtet. Statt an vielen Stellen gleichzeitig zu optimieren, sucht man den einen Faktor, der alles andere bremst, und löst ihn zuerst.
Entwickelt hat sie der Systemforscher Wolfgang Mewes ab 1970, zunächst als Fernlehrgang. Deshalb heißt sie auch Mewes-Strategie oder EKS-Strategie. Kerstin Friedrich, Fredmund Malik und Lothar Seiwert haben sie später in „Das große 1×1 der Erfolgsstrategie“ einem breiten Publikum zugänglich gemacht (Friedrich, Malik & Seiwert, 2016). Stefan Merath hat sie für Unternehmer im Mittelstand weitergetragen.
Der Kern lässt sich in einem Satz sagen: Wer seinen Engpass kennt, bündelt seine Kraft und lässt sich nicht von jedem neuen Trend ablenken.
Woher kommt das Minimumprinzip?
Das Prinzip stammt aus der Landwirtschaft. Der Agrarwissenschaftler Carl Sprengel erkannte, dass das Wachstum einer Pflanze vom knappsten Nährstoff begrenzt wird. Bekannt gemacht hat diese Erkenntnis der Chemiker Justus von Liebig. Sie heißt seitdem Gesetz des Minimums oder Minimumprinzip.
Das Bild dazu ist die Minimumtonne: ein Fass aus Brettern unterschiedlicher Länge. Wie viel Wasser drin bleibt, entscheidet nicht das längste Brett, sondern das kürzeste. Darüber läuft alles raus. Wer am längsten Brett weiterschraubt, verschwendet Kraft.

Mewes übertrug diese Logik auf Unternehmen. Auch dort gibt es immer einen Minimumfaktor. Wird er gelöst, entwickelt sich das System weiter, bis ein neuer Engpass entsteht.
Welche Prinzipien und Phasen umfasst die EKS?
Die EKS ruht auf vier Grundprinzipien:
- Konzentration statt Verzettelung: Kräfte auf wenige Punkte bündeln, nicht in die Breite gehen.
- Minimumprinzip: immer am größten Engpass ansetzen.
- Immaterielles vor Materiellem: Wissen, Beziehungen und Vertrauen zählen mehr als Kapital und Ausstattung.
- Nutzen vor Gewinn: Wer den Nutzen für eine klar umrissene Zielgruppe maximiert, bekommt den Gewinn als Folge.
In der Praxis wird die EKS in sieben Phasen angewendet: Stärken analysieren, Nutzenpotenzial prüfen, Zielgruppe bestimmen, den größten Engpass dieser Zielgruppe finden, eine Lösung entwickeln, Kooperationen aufbauen und das dauerhafte Grundbedürfnis sichern.
Für diesen Artikel zählt vor allem Phase vier. Sie ist der Moment, in dem die meisten Projekte falsch abbiegen.
Was hat EKS mit aktiven Arbeitsplätzen zu tun?
Das Engpass-Prinzip gilt überall, wo ein System wachsen soll. Auch dort, wo ein Unternehmen mehr Bewegung in den Arbeitsalltag bringen will.
Viele Schreibtisch-Arbeitstage sind von langen Sitzphasen geprägt. Walking Pads und Deskbikes sind ein praktischer Weg, diese Phasen zu unterbrechen. Trotzdem stehen in vielen Büros Geräte, die kaum jemand nutzt. Der Grund ist fast nie das Gerät an sich, sondern ein Engpass, den vorher niemand angeschaut hat.
Aus Einführungsprojekten kennen wir drei Bretter, die besonders oft zu kurz sind.
Engpass 1: Das Gerät passt nicht zum Einsatz
Ein Gerät fürs Homeoffice ist für eine Person gebaut. Im Büro läuft es länger, mit wechselnden Nutzern und anderen Anforderungen an Sicherheit und Belastbarkeit. Fehlen diese Funktionen, sperrt der Arbeitsschutz das Gerät, und zwar zu Recht. Was dabei zu beachten ist, zeigt unser Compliance-Guide für Walkingpads im Büro.
Das gilt auch privat. Wer ein Gerät für eine halbe Stunde am Tag kauft, es aber sechs Stunden nutzt, zahlt oft zweimal.
Engpass 2: Die Reihenfolge stimmt nicht
Arbeitsschutz, Betriebsrat und Nutzer kommen zu spät ins Boot. Dann wird aus einem Mitspieler ein Bremser. Häufig fällt der Satz: „Die BG verbietet das.“ Ein pauschales Verbot gibt es nicht, das zeigt unsere Orientierungshilfe zu BG und DGUV.
Im Gegenteil: Die Unfallversicherer führen körperliche Unterforderung am Bildschirmarbeitsplatz selbst als Gefährdung, direkt neben Zwangshaltungen und einseitiger Belastung. Der Arbeitsschutz ist deshalb ein natürlicher Verbündeter, wenn man ihn früh fragt. Wie das konkret geht, beschreibt der Beitrag Arbeitsschutz und Bewegungsmangel gemeinsam gestalten.
Genau das ist Max passiert. Linus hat nicht aus Prinzip gesperrt. Er hat erst vom Facility Management erfahren, dass Geräte im Haus stehen.
Engpass 3: Der Ort ist Zufall
Geräte landen dort, wo gerade Platz ist. Genutzt wird aber, was nah und einfach erreichbar ist. Steht das Deskbike zwei Etagen über dem Team, bleibt es leer. Ein guter Pilot legt Standort, Zugang und Nutzungsregeln vorher fest, wie im Beitrag zum Walkingpad-Rollout strukturiert planen beschrieben.
Ein langes Brett gleicht kein kurzes aus. Das beste Gerät nützt nichts im falschen Raum. Und der beste Raum nützt nichts, wenn der Arbeitsschutz nicht mitgeht.
Wie findet man den Engpass? Eine Engpassanalyse in drei Fragen
Die Engpassanalyse muss nicht kompliziert sein. Ziel ist, unter vielen Problemen das eine zu finden, das alle anderen bremst. Bei aktiven Arbeitsplätzen helfen drei Fragen:
- Wer muss zustimmen, und weiß er schon davon? Arbeitsschutz, Betriebsrat, Führungskräfte, Nutzer.
- Wo steht das Gerät, und wie weit ist es vom Team entfernt? Zugang schlägt Ausstattung.
- Für wie viele Stunden und Nutzer muss es ausgelegt sein? Einsatzprofil vor Preis.
Danach kommt die wichtigste Frage, und sie ist bewusst eng gestellt: Was ist bei uns gerade der eine Faktor, der alles andere bremst? Nicht fünf. Einer. Wer tiefer einsteigen will, findet die passenden Managementfragen im Beitrag aktive Arbeitsplätze im Unternehmen richtig einführen.
Welche Fehler sollte man bei der EKS vermeiden?
Der häufigste Fehler ist, zu viele Engpässe gleichzeitig lösen zu wollen. Dann ist es keine Engpass-Strategie mehr, sondern Gießkanne.
Der zweite Fehler: den Engpass mit dem sichtbarsten Problem zu verwechseln. Leere Geräte sind ein Symptom. Der Engpass liegt oft eine Ebene davor, etwa bei einer fehlenden Freigabe oder einem ungeeigneten Standort.
Der dritte Fehler: aufzuhören, wenn der erste Engpass gelöst ist. Nach dem Minimumprinzip rückt danach ein neuer Faktor nach. Wer das weiß, plant den nächsten Schritt gleich mit.
Max‘ zweiter Anlauf
Max hat neu gestartet. Erst Linus, dann das Team, dann die Geräte. Diesmal hat Linus den Standort selbst mit ausgesucht, direkt neben dem Teambereich. Die Geräte sind für den Büroeinsatz ausgelegt, die Regeln hat das Team mitgeschrieben.

Der Unterschied zum ersten Versuch liegt nicht im Budget. Er liegt in der Reihenfolge. Wie eine solche Einführung in einem ganzen Bereich aussehen kann, zeigt unser Unternehmensbeispiel für ein Bewegungsbüro.
Fazit: Erst den Engpass, dann das Gerät
Die Engpasskonzentrierte Strategie ist kein Lehrbuchwissen für Strategen. Sie ist eine einfache Frage, die man vor jeder Entscheidung stellen kann: Was bremst gerade alles andere?
Für aktive Arbeitsplätze heißt das: Wer zuerst den Engpass findet, spart Zeit, Geld und Nerven. Wer zuerst bestellt, löst oft fleißig die falschen Probleme.
Quellen
- Friedrich, K., Malik, F. & Seiwert, L. (2016): Das große 1×1 der Erfolgsstrategie. EKS: Erfolg durch Spezialisierung.
- Mewes, W. (ab 1970): EKS. Die Engpasskonzentrierte Strategie. Fernlehrgang.
- Wikipedia: Engpasskonzentrierte Strategie. Abgerufen am 16.10.2026.
- Work & Move Magazin (2025): BG & DGUV: Orientierungshilfe für Unternehmen zu Walking Pads und DeskBikes.
- Gesetzliche Unfallversicherung: Leitfäden zur Büro- und Bildschirmarbeit (Gefährdung durch körperliche Unterforderung).

