15:10 Uhr. Der Vormittag war voll, nach dem Mittagessen reiht sich ein Termin an den nächsten. Zwischen zwei Gesprächen bleiben zwanzig Minuten. Der nächste Bildschirm wartet schon. Wer in diesem Moment aufsteht, tut nichts Spektakuläres. Trotzdem wirft die Szene eine wichtige Frage auf: Was passiert im Körper, wenn Muskeln arbeiten, und was davon lässt sich auf Bewegung im Büro übertragen?
Myokine machen diese Frage spannend. Sie sind Botenstoffe, die mit Muskelarbeit zusammenhängen. Doch aus einem biologischen Signal folgt noch kein belegter Gesundheits- oder Glückseffekt. Und aus einer Studie zu langem Gehen folgt nicht, dass kurze Bewegungspausen am Schreibtisch dieselbe Reaktion auslösen.
Die Szene ist ein zusammengesetztes Beispiel, keine Fallgeschichte aus einem bestimmten Unternehmen. Sie führt zu einer nüchternen Antwort: Forschung zu Myokinen liefert Hinweise auf Reaktionen bei bestimmter körperlicher Belastung. Für kurze Bewegung im Büro fehlen direkte Myokin-Messungen. Was Bewegung aus dem Büroalltag verdrängen kann, ordnet unser Beitrag Körperliche Unterforderung im Büro ein.
Kurzantwort: Eine kleine Studie fand einen leichten Anstieg von IL-6 bei zwei- und dreistündigem moderatem Gehen. Eine Arbeitsplatzstudie mit kurzen Bewegungspausen maß keine Myokine oder IL-6. Deshalb lässt sich daraus kein Myokin-Effekt kurzer Büro-Bewegung ableiten.
Was sind Myokine und warum interessiert das Unternehmen?
Myokine, auch Muskelbotenstoffe genannt, sind Signalstoffe, die mit der Arbeit der Muskulatur verbunden sind. Sie helfen Forschenden zu untersuchen, wie Muskeln während körperlicher Aktivität mit anderen Geweben und Prozessen im Körper kommunizieren. Der Begriff beschreibt keine einzelne Substanz und auch kein pauschales Gesundheitsversprechen. Verschiedene Myokine können unterschiedliche Rollen haben; auch ein einzelner Botenstoff kann je nach Zusammenhang eine andere Bedeutung haben.
Das ist wichtig, wenn über Bewegung am Arbeitsplatz gesprochen wird. Ein messbarer Botenstoff ist zunächst ein biologischer Befund. Er sagt nicht automatisch, dass eine Person gesünder, zufriedener oder glücklicher wird. Dafür braucht es passende Studien, die genau diese Ergebnisse messen. Auch die Art, Dauer und Intensität der Belastung zählen. Ein Review zu akuter Ausdauerbewegung beschreibt Unterschiede in Myokin-Antworten je nach Bewegungsart, Intensität und Dauer (Ringleb et al., 2026).
Wenn du über Bewegung am Arbeitsplatz entscheidest, liegt darin eine klare Grenze: Myokin-Forschung kann erklären, warum körperliche Aktivität biologisch interessant ist. Sie belegt nicht automatisch, was ein Walkingpad, ein Deskbike oder eine kurze Pause im konkreten Büro bewirkt. Wenn du Myokine als Argument nutzt, frage zuerst: Welche Bewegung wurde untersucht? Was wurde gemessen? Und welches Ergebnis ist tatsächlich belegt?
Myokine und Bewegung: Was die Gehstudie tatsächlich zeigt
Kistner, Tavormina und Lieberman (2024) untersuchten, ob moderates Gehen mit einer Veränderung von IL-6 einhergeht. IL-6 kann im Zusammenhang mit Muskelarbeit als Myokin betrachtet werden. Die Studie umfasste 13 Teilnehmende. Sie absolvierten in zufälliger Reihenfolge vier Gehbedingungen bei 55 Prozent der maximalen Herzfrequenz: 30 Minuten, eine Stunde, zwei Stunden und drei Stunden.
Laut Abstract stieg IL-6 während der zwei- und dreistündigen Gehbedingungen leicht an. Bei 30 Minuten und einer Stunde berichtete der Abstract diesen Anstieg nicht. Das ist ein begrenzter, aber konkreter Befund: Unter den untersuchten Bedingungen hing die beobachtete Veränderung mit längerer moderater Gehzeit zusammen.
Mehr lässt sich daraus nicht machen. Die Teilnehmendenzahl war klein. Untersucht wurde langes Gehen, nicht eine kurze Unterbrechung zwischen Meetings. Die Studie fand nicht am Arbeitsplatz statt. Sie maß auch nicht, ob sich Gesundheit, Zufriedenheit oder Glück veränderten. Die Autorinnen und Autoren diskutieren mögliche biologische Bedeutungen; diese waren jedoch keine geprüften klinischen Endpunkte der Studie.
Die öffentlich zugängliche Zusammenfassung enthält die hier verwendeten Angaben. Details zu Messzeitpunkten, Proben und Effektgrößen sind in der Quellenaufbereitung nicht unabhängig verifiziert. Deshalb nenne ich weder eine genaue Effektgröße noch leite ich daraus eine optimale Dauer für Bewegungspausen ab.
Die richtige Lesart lautet also nicht: „Schon kurze Bewegung setzt nachweislich positive Myokine frei.“ Sie lautet: „In einer kleinen Studie stieg IL-6 bei moderatem Gehen in den zwei- und dreistündigen Bedingungen leicht an.“ Dieser Unterschied klingt klein. Für eine seriöse Arbeitsplatzentscheidung ist er entscheidend.

Was eine Arbeitsplatzstudie mit kurzen Pausen nicht belegt
Die PAW-Studie von Akksilp et al. (2023) untersuchte ein sechsmonatiges Programm in thailändischen Behördenbüros. Beteiligt waren 282 Beschäftigte aus 18 Büro-Clustern. Das Maßnahmenpaket umfasste unter anderem vier tägliche, mindestens vierminütige leichte bis moderate Bewegungspausen an Werktagen. Dazu kamen weitere Bestandteile wie Feedback, Teamimpulse und Unterstützung durch Führungskräfte.
Die Forschenden erfassten Sitzzeit, körperliche Aktivität und mehrere Blutmarker. Myokine und IL-6 gehörten nicht zu den gemessenen Markern. Nach sechs Monaten zeigte sich kein statistisch nachweisbarer Unterschied zwischen den Gruppen bei den erfassten Biomarkern, der Sitzzeit oder den Aktivitätsmaßen. Die mediane Teilnahme an den angebotenen Bewegungspausen lag bei 31,5 Prozent.
PAW beantwortet damit eine praktische Frage zu einer bestimmten Arbeitsplatzintervention, aber nicht die Myokin-Frage: Weil die Studie Myokine nicht gemessen hat, kann sie eine Myokin-Ausschüttung durch kurze Pausen weder bestätigen noch widerlegen. Der fehlende Gruppenunterschied beweist auch nicht, dass kurze Bewegungspausen generell wirkungslos sind. Das Programm war mehrteilig, fand in einem bestimmten institutionellen Kontext statt und wurde nur begrenzt genutzt.
Für Unternehmen ist diese Unterscheidung nützlich. Sie verhindert zwei Fehlschlüsse: Erstens kann man die Gehstudie nicht als Nachweis für kurze Bewegung im Büro verwenden. Zweitens kann man aus der PAW-Studie nicht schließen, dass Bewegungspausen grundsätzlich nichts bringen. Beide Ergebnisse markieren vielmehr, welche Frage die jeweilige Studie beantworten kann und welche offenbleibt.
Was Unternehmen aus der Evidenz ableiten können
Zwischen einem biologischen Mechanismus und einer betrieblichen Wirkung liegen mehrere Prüfschritte. Eine Studie kann zeigen, dass sich ein Marker unter bestimmten Bedingungen verändert. Eine andere müsste prüfen, ob eine Arbeitsplatzintervention diesen Marker beeinflusst. Weitere Studien müssten untersuchen, ob sich dadurch ein für Beschäftigte relevantes Ergebnis verändert. Das sind verschiedene Fragen, keine austauschbaren Belege.
Wer über aktive Arbeitsplätze entscheidet, kann daher drei Ebenen getrennt betrachten:
- Biologie: Welche Signale reagieren auf welche Art von Muskelarbeit?
- Umsetzung: Wird die konkrete Bewegungsmöglichkeit im Arbeitsalltag genutzt?
- Ergebnis: Welche gesundheitlichen oder arbeitsbezogenen Endpunkte werden tatsächlich gemessen?
Ein positiver Befund auf einer Ebene beantwortet die anderen nicht automatisch. Eine Nutzungserhebung zeigt zum Beispiel, ob Menschen ein Angebot annehmen. Sie beweist keine Myokin-Reaktion. Eine Veränderung eines Biomarkers belegt wiederum nicht von selbst eine Verbesserung von Stimmung, Zufriedenheit oder Produktivität.
Das sollte auch deine Kommunikation prägen. Ein aktiver Arbeitsplatz kann es erleichtern, Bewegung in Schreibtischarbeit zu integrieren. Das ist eine praktische Beschreibung der Arbeitsumgebung. Ein Versprechen, dass ein bestimmtes Gerät Myokine freisetzt oder Gesundheit und Glück verbessert, wäre durch die hier betrachteten Studien nicht gedeckt.
Bewegung am Arbeitsplatz sinnvoll einbauen, ohne zu viel zu versprechen
Die Forschungslücke ist kein Grund, Bewegung aus dem Büro zu verbannen. Sie ist ein Grund, die Maßnahme ehrlich zu beschreiben und sauber zu prüfen. Unternehmen können dort anfangen, wo der Arbeitsalltag ohnehin kurze Übergänge oder passende Tätigkeiten bietet.
Erstens: eine konkrete Situation wählen. Nicht jede Aufgabe passt zu Bewegung. Ein internes Telefonat, eine kurze Abstimmung oder das Lesen einfacher Unterlagen kann anders gestaltet werden als eine präzise Kalkulation oder ein vertrauliches Gespräch. Der passende Ansatz hängt von Tätigkeit, Raum und Person ab. Eine praktische Orientierung dazu bietet unser Beitrag Wie kann man Bewegung ins Büro bringen?.
Zweitens: die Bedingungen mitplanen. Ein Bewegungsangebot braucht klare Zuständigkeiten, sichere Nutzung und eine einfache Möglichkeit, es auszuprobieren. Die Einführung sollte nicht bei der Beschaffung enden. Unser Leitfaden Bewegungsförderung am Arbeitsplatz richtig umsetzen ordnet solche organisatorischen Fragen ein. Für gemeinsam genutzte Geräte ergänzt der Beitrag Bewegungsstationen im Büro richtig organisieren konkrete Punkte zu Standort, Regeln und Pilotbetrieb.
Drittens: Nutzung und Wirkung getrennt messen. Ein Pilot kann zunächst erfassen, wer das Angebot nutzt, welche Aufgaben passen und welche Hürden auftauchen. Wenn ein Unternehmen gesundheitliche oder biologische Ergebnisse untersuchen will, braucht es dafür ein passendes Messkonzept und eine Vergleichslogik. Eine einfache Nutzungsstatistik ersetzt das nicht.
Viertens: Bewegung nicht als Pflicht behandeln. Ein Arbeitsplatzangebot sollte Wahlmöglichkeiten schaffen, nicht eine neue Leistungserwartung. Beschäftigte haben unterschiedliche Aufgaben, Bedürfnisse und Grenzen. Eine passende Option kann Bewegung erleichtern; sie muss nicht für alle gleich aussehen.

Fazit: ein biologischer Hinweis, kein Wirkversprechen fürs Büro
Myokine sind ein spannender Teil der Forschung zu Muskelarbeit. Kistner et al. (2024) berichten einen leichten IL-6-Anstieg bei zwei- und dreistündigem moderatem Gehen in einer kleinen Studie. Die PAW-Studie untersuchte kurze Bewegungspausen im Büro, maß aber keine Myokine oder IL-6. Zusammen belegen die Studien daher keine Myokin-Wirkung kurzer Arbeitsplatzbewegung und keinen konkreten Effekt auf Gesundheit, Zufriedenheit oder Glück.
Für Unternehmen bleibt eine pragmatische Aufgabe: passende Bewegung im Arbeitstag möglich machen, Nutzung und Ergebnisse getrennt betrachten und Claims an den tatsächlich erhobenen Daten ausrichten. Myokine können eine Forschungsfrage eröffnen. Sie sind noch kein belastbarer Beleg für ein Arbeitsplatz-Wirkversprechen.
Quellen
- Akksilp, K. et al. (2023; online veröffentlicht 2022). “The physical activity at work (PAW) study: a cluster randomised trial of a multicomponent short-break intervention to reduce sitting time and increase physical activity among office workers in Thailand.” The Lancet Regional Health – Southeast Asia, 8, 100086. https://doi.org/10.1016/j.lansea.2022.100086
- Kistner, T. M., Tavormina, A. & Lieberman, D. E. (2024). “Myokine secretion during moderate-intensity physical activity: Dose–response of interleukin 6 to walking duration.” American Journal of Human Biology, 36(10), e24131. https://doi.org/10.1002/ajhb.24131. Die im Artikel genutzten Detailangaben beruhen auf Abstract und Metadaten.
- Ringleb, M. et al. (2026). “Circulating Myokine Responses to Acute Endurance Exercise and Their Role in Immunoregulation.” The FASEB Journal. https://doi.org/10.1096/fj.202504780r

